Neue achtsame Arbeitswelten
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Neue achtsame Arbeitswelten

Neue achtsame Arbeitswelten

Bislang habe ich mich auf meinem Blog „babeltiger“ vor allem mit alltäglich gelebter Achtsamkeit beschäftigt. Organisationen und das Arbeitsleben spielten hingegen kaum eine Rolle. Das ändert sich gerade und es stellt sich die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen neuen Arbeitswelten und Achtsamkeit geben könnte.

Wenn ich heute auf mein bisheriges Arbeitsleben zurückschaue, so muss ich im nach hinein feststellen, dass mich ehrgeizige Ziele, äußerliche Erfolge und Karrieren nie lange zufriedenstellen konnten. Das Streben danach war eher von biografischen Bedürftigkeiten motiviert und es verstärkte letztlich meine Anspannung und Unzufriedenheit.

Die innere Arbeit der Achtsamkeitspraxis schenkt mir hingegen oft ein Gefühl der Freude, Verbundenheit und ein größeres Grundvertrauen. Handle ich daraus, so fühlt sich mein Leben lebendig und sinnvoll an. Und alles Äußere scheint wie von selbst zu folgen, ohne dass es großer Mühen bedarf. Es ist, als würde etwas durch mich entstehen wollen, ohne dass ich dem noch meinen eigenen Willen aufzwängen muss.

Dieser Zusammenhang fasziniert mich. Ich frage mich, welche unmittelbaren Auswirkungen ein achtsamer Bewusstseinszustand auf unser alltägliches Handeln haben kann und was daraus alles im Außen entstehen kann. Folglich sehe ich in der Achtsamkeitspraxis auch keine Selbstbeschäftigung oder Weltflucht. Vielmehr kann darin die Grundlage für ein engagiertes Handeln in der Welt liegen: Wie bewusst oder unbewusst gehen wir im Alltag mit uns, anderen und unserer Umwelt um? Wie wohnen wir, wie konsumieren wir, wie bewegen wir uns fort? Wie führen wir unsere Beziehungen? Und eben auch: Wie organisieren wir uns und wie arbeiten wir?

„Neuen Arbeitswelten und Organisationen, die nicht nur sich selbst, sondern der Welt dienen, liegt ein tieferer Sinn und höherer Zweck zugrunde, der einem achtsamen Bewusstsein entspringt.“

Ein großer Teil unseres alltäglichen „Außens“ findet in und mit Organisationen statt, in denen wir arbeiten, unser Einkommen verdienen oder deren Produkte und Dienstleistungen wir in Anspruch nehmen. Diese Organisationen bringen in ihrer Gesamtheit wiederum Tag für Tag einen großen Teil unserer gesellschaftlichen Welt hervor und sie haben in erheblichem Maß Einfluss auf den momentanen Zustand der Welt. Nebenbei gesagt: Eine Welt, die wir und unsere Nachkommen brauchen, um zu (über)leben und die nicht nur ökologisch gerade ihre Kipp-Punkte erreicht.

Mir scheint, dass wir zu viele Organisationen entstehen haben lassen, die zu untragbaren Zuständen beitragen. Natürliche Ressourcen und Menschen werden durch sie ausgebeutet. Ihre Mechanismen führen dazu, dass wir andere kontrollieren, benachteiligen und ausnutzen, in Machtkämpfe und Auseinandersetzungen verstrickt sind, uns ab- und andere ausgrenzen. Es sind Organisationen, deren Gewalttätigkeit und ausbeuterische Mechanismen es notwendig machten uns vor und in ihnen zu schützen, persönliche Anteile zu verstecken und in denen wir uns innerlich von unserer Arbeit entfernt haben.

Was impliziert zum Beispiel ein so selbstverständlich gewordener Begriff wie „Work-Life-Balance“, der zwischen „Work“ einerseits und „Life“ andererseits unterscheidet? Dass wir auf der einen Seite unsere Arbeit haben – und auf der anderen unser Leben? Dass wir in einer entfremdeten Arbeitswelt leben, die nichts mehr mit unserem eigentlichen Leben zu tun hat? Dass wir eine Arbeitsrealität erleben, in der wir froh sein können, wenn wir endlich nach Hause zurückkehren und wieder „ganz“ sein dürfen? Dass uns eine sinnlose und fremdbestimmte Arbeit von den wesentlichen Dingen im Leben abhält und wir unsere Bestimmung woanders suchen sollten?

Ich frage mich, ob eine Arbeitswelt denkbar wäre, deren Organisationen die Welt zu einem besseren Ort machen – statt sie auszubeuten und ihr Gewalt anzutun? Deren Organisationen zum Gemeinwohl beitragen und für die wir uns aus ganzem Herzen engagieren wollen? Die miteinander kooperieren, um auf ein gemeinsames Ziel hinzusteuern? Die nachhaltig wirtschaften und die Welt im Blick haben, die wir hinterlassen? Könnte es Organisationen geben, in denen wir selbstbestimmt und gleichzeitig mit anderen verbunden zusammenarbeiten können? In denen wir uns mit unseren unterschiedlichen menschlichen Seiten zeigen, mit unseren Fähigkeiten selbstwirksam einbringen und in denen wir persönlich wachsen können? In denen wir gerne arbeiten, einfach weil es uns Freude macht?

Wie wollen wir wirklich wirklich arbeiten, wenn wir verbunden und gegenwärtig sind?

Wie könnten solche Organisationen aussehen und welche neuen Arbeitswelten würden dadurch entstehen? Welches Geschenk würden Sie der Welt machen? Welchen Sinn und Zweck würden sie verfolgen und welche Werte würden eine Rolle spielen? Welche Formen und Strukturen hätten sie? Wie würden sich bestehende Organisationen transformieren? Wie würden wir dort zusammenarbeiten? Wie würden wir Verantwortung verteilen? Welche Möglichkeiten gäbe es sich zu beteiligen und selbstwirksam zu sein? Welche Formen des Miteinanders würden entstehen? Und welchen Raum würden sie bieten, um sich persönlich weiterzuentwickeln, zu wachsen und ein erfülltes Leben zu leben? Gemäß einer leichten Abwandlung der zentralen „New Work“-Frage: Wie wollen wir wirklich wirklich arbeiten, wenn wir verbunden und gegenwärtig sind?

Solchen Fragen möchte ich mich hier im Blog auf „babeltiger“ unter anderem widmen. Auch wenn es vordergründig um neue Organisationen und Arbeitswelten geht, so sind diese bestenfalls Ausdruck eines achtsamen Lebens. Und es gibt schon viele spannende Initiativen und Organisationen da draußen, die das verstanden haben.